Vom Bedürfnis über die Angst zum Handeln

Warum Entscheiden oft schwer fällt

Coaching-Anliegen

Frau M. ist seit über dreißig Jahren als Sachbearbeiterin bei einem Finanzdienstleister tätig und kommt ins Coaching, weil ihr Arbeitgeber Arbeitsplätze abbauen will. Er hat ihr einen Aufhebungsvertrag mit hervorragenden Konditionen angeboten. Nun ist sie hin- und hergerissen, ob sie das Angebot annehmen oder ablehnen soll und möchte dies im Coaching herausfinden. Ihr Anliegen ist, die richtige Entscheidung zu treffen.

Auftragsklärung

In die erste Coaching-Sitzung hat Frau M. eine Pro- und Kontra-Liste mitgebracht, aus der hervorgeht, dass sieben Punkte für und drei Punkte gegen eine Annahme des Angebotes sprechen. Frau M. möchte nun, dass wir gemeinsam Bilanz ziehen: Ich soll mit ihr diese Liste besprechen, ggf. noch ergänzen. Gemeinsam sollen wir so eine Lösung finden, damit sie Klarheit hat und sich entscheiden kann. Ob ich mich darauf einlasse? Ich erwidere ihr, dass es doch ein ganz eindeutiges Ergebnis ist, denn sieben Punkte sprechen schließlich für die Annahme des Angebotes und damit könnte sie sich doch entscheiden – oder? Frau M. ist sichtlich betroffen. Sie hat die Befürchtung, in ihrem Alter keine neue Stelle zu finden, lange arbeitslos zu sein und aus dem gesellschaftlichen System zu fallen. Frau M. sagt, dass sie große Angst hat, geradewegs in den Abgrund zu rutschen und als gescheitert zu gelten. Wir beschließen, gemeinsam herausfinden, was sie nicht verantworten oder riskieren kann und ob ihre „Katastrophenerwartung“ real ist.

Coaching-Verlauf

Auf der einen Seite wird deutlich, wie groß ihre Sehnsucht ist, frei und selbstbestimmt zu sein. Sie möchte gern raus aus dem Hamsterrad, mehr reisen und endlich so leben, wie es ihr entspricht. Ihre Augen leuchten, als wir uns mit ihrem Bedürfnis beschäftigen, und die Vorfreude ist groß. Auf der anderen Seite hat sie etliche Einwände, „Ja, aber“-Sätze, die eine Nicht-Entscheidung rechtfertigen sollen. Frau M. hat spür- und sichtbar Angst und ihre Verzweiflung ist groß. Sie meint, wenn sie sich weiter so quält, kommt sie nie auf den Punkt.

Frau M. ist auch ohne die Abfindung ihres Arbeitgebers finanziell sehr gut abgesichert. Es scheint logisch, das Angebot anzunehmen. Eigentlich wäre es dumm, so ihre Äußerung, wenn sie diese Möglichkeit nicht ergreifen würde. Nun, so einfach ist es jedoch nicht. Schließlich möchte sie ja die „richtige“ Entscheidung treffen. Sie hat die Befürchtung, einen Denkfehler zu machen – trotz ihrer peniblen Pro- und Kontra-Liste. In der Coaching-Arbeit ist es ein andauerndes Pendeln zwischen ihrem Bedürfnis nach Freiheit und ihrer großen Angst, wenn sie sich entscheidet, ihre (vermeintliche) Sicherheit zu verlieren.

Ich gebe zu bedenken, dass es die „richtige“ Entscheidung nicht geben kann. Kein Mensch kann vorhersagen, was passiert, wenn man sich entscheidet und die Zukunft auch nicht absichern. Jede Entscheidung hat allerdings einen Preis, weil man sich auch immer gegen etwas entscheidet. Das verursacht erst einmal ein ungutes, unsicheres Gefühl: als ob man wie ein Kind Schritt für Schritt das Laufen lernt. Erst im Unterwegssein erkennt man, wie es wirklich ist, ob es die richtige Entscheidung war oder ob vielleicht noch nachjustiert werden muss. Eines ist jedoch sicher: Jede Erfahrung macht einen Menschen reicher und reifer – und das ist sehr wertvoll! Die Alternative wäre, sich nicht zu entscheiden und in der aktuellen Situation zu verharren. Ob Frau M. das möchte?

Wir arbeiten in der Folge intensiv an ihrem Wunsch unabhängig zu sein und lassen gleichzeitig immer wieder ihre Angst deutlicher werden. Frau M. möchte am liebsten, dass ich ihr diese Angst nehme. Das ist nicht möglich, erwidere ich ihr, denn ich nehme ihr ja auch nicht das Gefühl von Freude. Angst ist schließlich, genauso wie Freude, ein Gefühl, das zu einem Menschen gehört. Es stellt sich heraus, dass in ihrem Elternhaus oft große Existenzangst herrschte. Ihr Vater war selbstständig. Noch heute spürt sie den enormen Druck, der auf ihren Eltern lastete, ob es für die Lebenshaltung reicht. Diese Angst scheint sie übernommen zu haben.

Ergebnis

Frau M. ist bewusst geworden, wie sehr sich die Erfahrung aus ihrem Elternhaus auf ihr Leben ausgewirkt hat. Durch die Unterstützung im Coaching hat sie nach und nach gelernt, ihre Angst liebevoll anzunehmen und als einen Teil von sich zu begreifen. Frau M. hat den Aufhebungsvertrag unterschrieben. Heute ist sie sehr glücklich, dass sie es gewagt hat, trotz und mit ihrer Angst einen Schritt in Richtung Freiheit zu gehen und ihr Leben zu leben. 

Die Coaching-Einheiten mit je 1,5 Stunden fanden zunächst in einem wöchentlichen, später in einem vierzehntägigen Rhythmus statt. Frau M. kommt weiterhin in größeren Abständen ins Coaching, um dranzubleiben, wie sie sagt, und um die gewonnene Energie nicht zu verlieren.

Für einen ersten Einblick in meine Arbeitsweise und mein Selbstverständnis als Coach und Beraterin stelle ich Ihnen reale Fälle aus meiner Arbeit vor. Sie sind anonymisiert und mit meinen Klienten abgestimmt.